Kintsugi
Ich habe lange nach etwas gesucht, dass meine Arbeit, meine Einstellung und Philosophie am besten beschreibt — dann, im Sommer 2019 beim Lesen eines Romans schien es plötzlich ganz klar: KINTSUGI.
Das ist Japanisch und beschreibt eine uralte Technik, Zerbrochenes mit Gold zu reparieren. Das Besondere: Kintsugi versucht nicht, die augenscheinlichen Makel der Reparatur zu verbergen, nein, es stellt diese durch die Verwendung von Goldpigmenten im Lack in den Vordergrund – und schafft so eine völlig neue Schönheit und Wertschätzung des ursprünglichen Objekts. Die einst gebrochenen Stücke werden glatt und geschmeidig zusammengefügt und ergänzen sich zu einem neuen Ganzen. Das Wichtigste an Kintsugi ist die Schönheit und die Bedeutung, die der Betrachter durch das Objekt erfährt.
Etwas von Wert (SIE!) was im Laufe der Zeit oder auch plötzlich brüchig oder rissig geworden ist und dabei einen Makel, einen Riss, einen Schaden, einen Schmerz, eine Verwundung oder eine Enttäuschung bekommen hat, durch wertschätzende, achtsame und bedeutungsvolle Reparatur ganz werden zu lassen, genau das ist mein Bestreben:
Ganz Sein und Ganz Werden —
Wir sind, wie Gold, formbar, biegsam und können, wenn wir wollen, mit uns selber und anderen so verschmelzen, dass sich neue Wege und Möglichkeiten eröffnen.
Diese Philosophie prägt meine Arbeit mit Ihnen und kommt in der Behandlung aller seelischer Beschwerden und psychischer Krankheiten zum Ausdruck.
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0:00 Thomas Ja, hallo Frau Dr. Wagner, danke für Ihre Zeit. Sie sind Psychoanalytikerin am Psychologiezentrum in München. Vielleicht könnten Sie uns kurz erklären, was macht eine Psychoanalytikerin, oder wie sieht ihr Berufsleben aus?
0:27 Dr. Wagner Ja, vielen Dank für die Möglichkeit, im Radio sprechen zu dürfen. Ich habe in Salzburg Psychologie studiert und dort promoviert, und bin dann nach München gegangen, habe dort eine Ausbildung begonnen zur psychoanalytischen Psychotherapeutin.
1:30 Dr. Wagner Bei der Psychoanalyse geht es darum, dass das Leiden des Menschen – die Erkrankung oder Probleme – als unbewusstes, häufig konfliktreiches Geschehen verstanden wird. In der Analyse versucht man diese Konflikte bewusst zu machen. Das klassische Setting ist, dass der Patient in die Praxis kommt, mir gegenüber sitzt oder auf der Couch liegt, und wir die Dinge besprechen.
2:48 Dr. Wagner Im Laufe der Zeit habe ich entdeckt, dass viele Menschen sagten: „Ich komme gern zu Ihnen, aber eigentlich wäre ich jetzt lieber draußen." Ich habe dann mit einem Patienten das analytische Setting verlassen, und bin mit ihm in den Wald gegangen. Das war sehr erstaunlich – alleine das Rauskommen und die Wirkung des Waldes brachte ganz andere Themen in Bewegung.
3:35 Thomas Das ist interessant – vom klassischen Bild, von der Couch hinaus in den Wald. Können Sie beschreiben, wie das abläuft? Gehen Sie durch den Wald, oder sitzen Sie irgendwo und betrachten eine Lichtung?
4:12 Dr. Wagner Ich versuche die analytische Haltung zu wahren und schaue, was der Patient in diesem Moment braucht. Es gibt Personen, die gehen zu Beginn ganz stramm durch den Wald. Ich laufe in diesem Tempo mit und drossle es langsam, bis wir vielleicht unter einem Baum stehen und gar nichts sagen. Dann mache ich kurze meditative Übungen, Sinnesanregungen, auch Fantasiereisen – alles ad hoc, so wie es in der Stunde passend ist.
5:35 Thomas Ich kenne das aus dem eigenen Leben: Beim Spazierengehen wird man im Laufe immer ruhiger. Aber warum ist das so? Was passiert in uns, warum nehmen wir die Natur auf einmal mehr wahr?
6:08 Dr. Wagner Wichtig ist, dass man ohne Absicht rangeht – ohne Schrittzähler, ohne Ziel, einfach mit Neugierde und Offenheit. Dann passiert eine Entschleunigung. Schon nach 10 Minuten setzt dieser Prozess ein: Die Stresshormone werden weniger, der Blutdruck sinkt, der Herzschlag verlangsamt sich.
7:25 Dr. Wagner Die Bäume kommunizieren miteinander und senden Duftstoffe aus, von denen man erkannt hat, dass sie nachweislich positiv auf das Immunsystem wirken. Das sind die Dinge, die zum tatsächlichen Wohlbefinden und zur Entspannung beitragen.
8:18 Thomas Das ist ein Glücksfall in der Corona-Zeit. Macht es einen Unterschied, in welcher Landschaft man sich bewegt – ob man im Wald ist, auf einer Wiese, in der Stadt, oder entlang einer Autobahn?
8:58 Dr. Wagner Wenn man zum ersten Mal startet, ist eine ländliche Umgebung von Vorteil. Wenn Sie geübter sind, macht es keinen Unterschied – denn Sie können ein Stück Wiese genauso betrachten wie einen Baum. Das Wichtige ist: hören, sehen, fühlen, riechen – alles bewusst aufnehmen. Man muss nur ein Kind betrachten – das macht es von selbst.
10:05 Dr. Wagner Natürlich sendet der Wald noch mal deutlich mehr Gesundheitsstoffe aus. Aber wichtig ist, dass man es einfach macht, ohne dass es zum Stress wird. Es soll nicht so sein, dass man Waldbaden bucht, aber schon Stress auf dem Weg dorthin hat – das ist kontraproduktiv.
10:50 Thomas Ich kenne viele, die sagen: „Jetzt muss ich noch schnell in mein Aufmerksamkeitstraining." Eine Stunde hetzen, versuchen sich zu entspannen – das soll nicht Sinn und Zweck sein.
11:35 Dr. Wagner Genau – sondern eher, dass man das, was man zur Verfügung hat, optimal für sich nutzt.
11:52 Thomas Beim Spazierengehen ist man viel gelöster als beim Laufen oder Bergsteigen. Am Berg ist man vielleicht oben glücklich, aber es ist doch etwas anderes. Würden Sie sagen, man muss das wirklich unterscheiden?
12:38 Dr. Wagner Wenn Sie auf den Berg gehen und dieses wunderbare Panorama erleben, werden viele Glückshormone ausgeschüttet – aber das können Sie nicht jeden Tag machen. Daher ist dieses absichtslose Vor-sich-hin-Schlendern etwas, was den Menschen sehr gut tut. Beim Waldbaden macht man ganz langsame Schritte – um das Große im Kleinen zu entdecken.
13:25 Thomas Zum Schluss noch eine persönlichere Frage: Gehen Sie gerne spazieren, und wenn ja, wo?
13:48 Dr. Wagner Ich gehe sehr gerne spazieren. Ich lebe in München am Waldrand, direkt an einem Landschaftsschutzgebiet. Ich bin lieber außerhalb des Waldes, wo ich den Weitblick habe. Aktuell bin ich an der Nordsee – die Weite des Marschlandes ist sehr schön. Ich brauche immer einen Ausblick, wo ich weit sehen kann und tief durchatmen kann.
15:00 Dr. Wagner Es ist genauso schön, durch die Stadt zu schlendern – in Häuser reinzuschauen, die Gedanken treiben zu lassen. C. G. Jung hat es gesagt: „Jeder Mensch soll eine Stunde in den Wald gehen, um sich vom Alltagsschlamm zu befreien." Mit jedem Schritt befreie ich mich von dem, was gerade belastend war.
15:48 Thomas Frau Wagner, herzlichen Dank für Ihre Zeit! Ich wünsche Ihnen noch viele schöne Weitblicke.